Shannon Zwickers Malereien sind wie Körper. Leuchtende Formen hüllen sich in durchschimmernde Schleier, Farbflächen bewegen sich wie tanzend über die Leinwand. Es ist ein Spiel zwischen Schichten, Formen und Farben, zwischen Zeigen und Verdecken, zwischen Verhüllen und Entblössen. Sind es Gesteinsberge, fliessendes Lava oder flüchtige Wolkenformationen, die sich auf der Leinwand auftürmen? Die mal horizontal, mal vertikal über die Bildfläche wachsen? Die sich plötzlich aufreissen und darunterliegende Ebenen aufscheinen oder aufflackern lassen?

Hier erinnern rosafarbene Ausbuchtungen an ein Händchen, da scheint sich eine grün-blaue Malfläche zu einem Rüssel zu formen. Doch immer entziehen sich die Kompositionen einer klaren, figurativen Deutung. Vielmehr verleiht Shannon Zwicker den Malereien ein Eigenleben und lässt uns Betrachter:innen offen, welche Wesen und Körper wir darin zu erkennen glauben. So werden die gross- und kleinformatigen Gemälde zu Projektionsflächen einer Innenwelt, die dann besonders gut zum Vorschein kommt, wenn wir den Werken physisch gegenüberstehen. In dieser Intimität zwischen Körper und Leinwand, zwischen Haut und Stoff kommen wir dem Malprozess von Shannon Zwicker ein Stück weit auf die Spur.

An den Bildseiten lässt sich noch die tiefrote Untermalung der Werke ablesen, auf der die Kompositionen aufbauen. Mit Acrylfarbe grundiert, verwendet die Künstlerin eine Mischtechnik aus Tusche, Ölfarben und Ölkreiden, die sie mal deckend, mal lasierend mit dem Pinsel aufträgt oder aber zeichnerisch einsetzt. Weiche Formen, die eine Unschärfe suggerieren, schweben über die Leinwand, während harte Kanten und spitze Ecken einen Gegenpol schaffen. Ölkreide-Zeichnungen legen sich wie ein dichtes Gewebe oder wie ein sanfter Hauch über die Farblandschaften. Dadurch entsteht ein fast schon skulpturaler Raum, der sich zwischen Momenten der Harmonie und der Reibung aufspannt. Zärtlich nähern sich Farbkörper einander, berühren sich flüchtig oder verschmelzen genüsslich miteinander. Andere wiederum ragen wie stachelige Dornen förmlich aus dem Bildraum heraus. Und zuweilen öffnen sich die Farbräume in die Tiefe und erinnern mit ihren weichen Texturen an Aquarelle. Shannon Zwickers Werke oszillieren zwischen Zufall und Präzision, zwischen Kontrolle und Freiheit. Sie markieren einen Zwischenzustand, traumähnlich scheinen sich die Dimensionen, die Trennung von vorne und hinten, oben und unten, innen und aussen aufzulösen.

Beim Betrachten der Malereien erinnere ich mich an die Zeilen eines Gedichts des amerikanischen Musikers und Dichters Saul Williams: The wind is the moon’s imagination. wandering. Sehen wir in den Arbeiten vielleicht Gedanken, die umherwandern, erkennen darin Spuren von Träumen, Emotionen und Sehnsüchten? Die poetischen Titel der einzelnen Arbeiten wecken Assoziationen und geben Hinweise für Interpretationen. Doch am Ende weiss nur die Künstlerin selbst, welche Bilder, welche Geheimnisse sich unter den Farbschichten verbergen. Für uns bleiben ihre Malereien eine Einladung zu träumen und Geschichten abseits des sichtbaren Raums zu imaginieren.

Text: Sarah Mühlebach

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